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Das Rumpelblatt - Erinnerung an eine bewegte Zeit

"Frühling wird's im Allgäu Ländle! Es sprießt in allen Ecken und Winkeln - so auch im Rumpelblatt. Da sprießt erstaunlicherweise nicht nur Kritik und das gewohnte Desinteresse der Leute sondern da kommen auf einmal auch Beiträge und Ideen und zwar so viel, dass wir gar nicht mehr alles bringen können…"
Thema Schule in Nr. 7

Ja, genau so beschrieben wir die Lage im Frühjahr 1978 im Rumpelblatt Nr. 7.

Vorrausgegangen war eine kleine Welle der Empörung und ein kleines bisschen Polemik über die Zustände an der Realschule Sonthofen aus der Sicht einiger Schüler*innen. Was folgte war eine gewaltige Welle der Empörung der Autoritäten: Vom Direktor bis zur Lehrerschaft, entsetzte Eltern, erboste Stadträte, tobende Kirche, wütende CSU. Es hagelte Verweise und Abmahnungen, Androhungen von Schulausschluss, boshafte Belehrungen, alles nach dem Motto: "Wie können die das nur wagen?" - Kritik von Schülern, eine freie Jugendzeitung, Eigeninitiative von ganz jung und ganz unten, so etwas hatte das idyllische Allgäu bis 1977/78 noch nicht erlebt.

Es war die Zeit inmitten des kalten Kriegs. Und des Kriegs der RAF. Es war "der deutsche Herbst". Sonthofen war seit 1974 bundesweit in den Schlagzeilen. Die "Sonthofer Rede" (welche faktisch ja in Schweineberg, Gem. Ofterschwang, stattfand) von Franz Josef Strauß bringt die Stimmung im damals erzkonservativen Süden auf den Punkt: "Das sind reine Verbrecher, diese Anwälte. Die tanzen doch dem Rechtsstaat auf der Nase herum. Da wird eine Pressekonferenz dieser Anwälte im Fernsehen gezeigt, und da darf einer sagen "dieser Mörderstaat" im Zusammenhang mit Holger Meins."

Die Zeit war ruppig, der Ton war hart, der Umgang analog. Kein PC. Kein Internet. Kein Handy. Wir waren jung, wir hatten Langeweile, wir wollten unsere eigene Welt. Es ging um Jugendzentren und Selbstbestimmung, Freizeit ohne Humptata und Oberlehrer, Nadelstiche in die verleugneten Naziwunden, Kratzen an der Fassade der Scheinidylle… All das in einer von schönsten Bergen und Natur umringten Garnisonskleinstadt mit drei Kasernen und einer bis heute unübersehbaren "Adolf-Hitler-Eliteschule".

Das Rumpelblatt: Aus meiner heutigen Sicht war der Name tatsächlich das Programm. Unser Gerumpel und Gepolter, jenseits der political correctness und Bedenkenträger hat uns erwachsen gemacht, unser Leben geprägt und uns fit gemacht für unsere eigenen Wege.

Zuhause hatte ich überleben gelernt. In der Schule lernte ich schreiben, rechnen und aufbegehren. In der Zeit des Rumpelblatts, mit all seinen Initiativen und Projekten, lernte ich aber echt zu arbeiten und zu leben: Aufrecht, selbständig und selbstbestimmt. - Und dabei bloß nicht alles all zu ernst nehmen!

Der Zeit von damals brauche ich nicht nachzuweinen. Die Zeit von damals lebt in mir, bis heute. Je älter ich werde, desto deutlicher wird das. Mein Leben wäre ohne unser Rumpelblatt nicht das geworden, was es wurde. Ich danke uns allen! Nicht alle hatten dieses Glück.

Christoph Schraivogel



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