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Komische Zeiten - damals wie heute

Meine Erinnerungen an 1977 - 1978

Die alten Rumpelblätter sind wieder da - wie schön! So vieles hatte ich schon vergessen, insbesondere auch die Art und Weise der Herstellung. Was heute schnell mal runter- oder hochgeladen, eingefügt, gelöscht, etc. wird, war damals echte Handwerkskunst. Besonders schön finde ich auch die nachträglich von Hand reingeschriebenen Zusätze oder Korrekturen. Und dann natürlich auch die Artikel und Beiträge selbst: Liebevoll, witzig, ironisch, kritisch und provozierend, auf alle Fälle mit ganz viel Herzblut. Ich finde, da habt ihr Rumpelblättler echt was Einzigartiges geschaffen! Und ehrlich gesagt, fällt mir das erst jetzt in der Rückschau so richtig auf.

RB Nr. 6: Seite über Schule & Wir 1978
Da habe ich mich dann auch gefragt, was hatte ich eigentlich mit dem Rumpelblatt zu tun? Zunächst dachte ich, nicht viel. Als alles begann, war ich ja erst im zarten Alter von 14 Jahren und ich war auch kein Redaktionsmitglied. Aber beim Durchlesen der verschiedenen Ausgaben, kamen echt heftige Gefühle auf. Es waren schon komische Zeiten, da wollte so manches aufbrechen und sich verändern. Sich vom moralischen Zeigefinger, was man tut und was nicht, endlich befreien. Selbst denken und handeln und einfach mal was ausprobieren, Learning by doing eben.

Als ich meine Leserbriefe in den Ausgaben 1 und 6 entdeckte (die hatte ich ja auch vergessen), musste ich einerseits schmunzeln und andererseits fast heulen. Da sah ich mich plötzlich wieder, als Pubertier in der damaligen Realschule Sonthofen, die aus meiner Sicht und ohne jede Übertreibung, ein Sammelbecken für unfähige Lehrer war. Persönliche Beleidigungen, Vorverurteilungen und hinterhältige Machenschaften waren nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Die meisten Lehrer waren jedoch nicht nur pädagogische „Wildsäue“, sondern auch fachlich völlig inkompetent. Meine Wut und Enttäuschung darüber sollte mal an die Öffentlichkeit, und die naheliegende, nein, für mich die einzig mögliche Plattform dafür, war das Rumpelblatt.

Nun, interessanter Weise wurde dieser Zustand an der Realschule von gut 90% der Schüler, und schätzungsweise 100% der Eltern, akzeptiert. Ja, klar - das waren halt auch noch andere Zeiten und damit andere Umstände, könnte man so sagen. Aber vielleicht hat sich die Allgemeinheit damals wie heute eben auch nur angepasst. Was es hieß, anderer Meinung zu sein, zeigt allein schon die Tatsache, dass wir uns damals nicht trauten, unsere Namen zu nennen!
Komische Zeiten eben …

Meine Gedanken in 2020

Die Frage ist, ist es heute denn so viel anders? Zwischenzeitlich ist die Welt nicht nur gefühlt kleiner geworden, sondern die Herausforderungen auch deutlich komplexer. Einfache Lösungen hören sich zwar toll an, funktionieren aber nicht. Informationen haben wir haufenweise, nur welche sind richtig, welche falsch? Auf wen oder was soll man noch hören?

Und jetzt haben wir ja „Corona“ und mit dem Virus, der an sich ja schon schlimm genug ist, war auch ganz schnell wieder der moralische Zeigefinger da. Die Guten sind die Daheimbleiber und die Schlechten sind die Rausgeher. Die Gutmenschen verhüllen sich jetzt, die Bösen zeigen offen ihr Gesicht (da war doch schon mal so was, nur irgendwie andersrum …?).

Wer in Corona-Zeiten seine Grundrechte ausüben möchte, bricht nicht nur die neuen Pandemieregeln, sondern bekommt es mit den Moralaposteln zu tun. Gut und schlecht, wie schön, dass es jetzt wieder einfache Lösungen gibt. Big Brother und sogar der Nachbar hat uns im Blick, damit wir das Richtige tun. Und was richtig ist, bestimmt die Wissenschaft, und die sagt es der Politik und letztendlich reiben sich Amazon und Konsorten die Hände … Ok, war nur ein Scherz, ich hasse Verschwörungstheorien.

Komische Zeiten eben …, und ich stelle fest, dass auch im Jahr 2020 die Allgemeinheit dazu neigt, sich vorschnell anzupassen anstatt sich auseinanderzusetzen, nachzudenken, eine eigene Meinung zu bilden, sich auszutauschen, und sei es auch nur, um wie Sokrates festzustellen: Ich weiß, dass ich nichts weiß!

Die Philosophie sagt, dass das Leben rückwärts verstanden werden und nach vorne gelebt werden muss. Verstanden habe ich für mich, dass die Herausforderungen im Leben meist schon schwierig genug sind, und das Angst zwar auf wichtige Dinge hinweisen kann, wenn sie aber zur Hysterie ausartet, sehr schädlich sein kann.

Wie schön, dass es den Rumpelblatt Reload gibt. Die einzige für mich denkbare Plattform, um mal wieder meine Gedanken loszuwerden…

In diesem Sinne und bleibt gesund und munter!

Gina



Und mittendrin kam die Kraft von Regina Endraß
Literaturtipp zur Autorin

Regina Endraß (geb. Schraivogel) wuchs in Sonthofen auf und lebt mit ihrem Mann in Memmingen. Sie hat im Herbst 2020 ihr erstes Buch veröffentlicht. Es heißt "Und mittendrin kam die Kraft", erschien bei tredition und erzählt die eigenwillige Lebensgeschichte einer Frau, die frei und selbstbestimmt ihr Leben lebt. Ihre Herausforderungen rollen in Wellen auf sie ein. Sie muss lernen immer wieder loszulassen um mittendurch nach vorn zu springen.

Über ihre Beweggründe sagt sie: "Mich beschäftigen schon lange die folgenden Fragen: Was macht ein selbstbestimmtes Leben aus, wie kann dieses trotz vielleicht widriger Umstände gelingen, und was ist dann anders? Es hat mich gereizt, meine Auseinandersetzung mit diesen Fragen in einer Geschichte zu erzählen, die bewusst auf diese Thematik reduziert ist und mir gleichzeitig Freiraum für meine Phantasie lässt. Zum Beispiel eine Figur wie Lisa zu erfinden, in der ich beides vereinen kann: meine eigenen Ansichten und Erfahrungen sowie eine vielleicht etwas idealisierte Vorstellung eines selbstbestimmten Lebens – quasi ein „Gedankenexperiment“, nach dem Motto, wie wäre es, wenn …"

Mehr darüber auf ihrer Webseite zum Buch.
Das Werk ist in allen Buchläden bestellbar: ISBN: 978-3-347-11149-3, € 10,90
Bei den Online-Händlern ist es auch als e-Book (€ 4,50) erhältlich.




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