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In eigener Sache – ein Aufbruch ins Vergangene

Erwachsen zu werden heißt, im Zweifel zu leben lernen
und durch Erfahrung seine eigene Philosophie, seine eigene Moral zu entwickeln.
(Hubert Reeves)


Nachdem ich einen Nachmittag lang in den digitalen Rumpelblättern gestöbert hatte und dabei oft herzlich gelacht habe, kam ich zunächst mal zu folgendem Schluss: Nur weil etwas zu Ende ging, ist es längst nicht misslungen oder gar gescheitert. Diese Erkenntnis ist nun nicht wirklich neu, aber stimmt mich doch friedlich.

Die Zeit des Rumpelblatts ist längst vorbei – oder etwa doch noch nicht ganz? Neben dem nostalgisch verklärenden Blick, der aufkeimen will, blieben bei manchen auch sehr widersprüchliche Gefühle zurück. Dem nachzugehen könnte sich lohnen und könnte der einen oder dem anderen ein Anliegen sein. Ein Grund nochmals den Blick auf diese Zeit zu richten.

Heute stehen all die Themen, die soviel Abwehr in den 70er-Jahren verursacht haben, in jeder provinziellen Tageszeitung. Die große damalige Empörung über unser Rumpelblatt ist nicht mehr so recht nachvollziehbar.

Die Jüngsten im Umfeld der Redaktion waren 15, die Ältesten knapp 30 Jahre alt. Die Redaktion wurde zunächst im Jugendhaus (Aquarium) und dann kurzerhand in den Kellern unserer Elternhäuser eingerichtet.

Der Ton des Rumpelblatts wurde seinem Namen gerecht und war polemisch, provokant frech, aber auch mit viel Witz und Humor, manchmal auch verletzlich und sensibel. Wolf Kubolsky tat sein übriges dazu und blieb oft für Redaktion sowie Leser schwer verdaulich. Doch es bleibt nun mal ein Vorrecht der Jugend Altes aufzubrechen und an Verkrustetem zu kratzen. „Verstehen wollen“ und auf gar keinen Fall „Einverständnis“ war unser Ziel. Tatsächlich haben wir heftig rum gewirbelt, Fässer aufgemacht, die gedeckelt bleiben sollten, rum gewettert und unsachlich gezündelt. Entspannend waren dann eigentlich nur die Kochrezepte und Ernährungsratschläge.


V.i.S.d.P. und der „Senf“ der anderen

War das Blatt fertig zum Druck, stellte sich jedes mal die leidige Frage, wer diesmal verantwortlich zeichnet… V.i.S.d.P.! Spätestens dann war klar - es hieß nun Verantwortung übernehmen, auch für den „Senf“ anderer. Würden wir im Zweifelsfall zusammenhalten? Pekuniäre Mittel für Rechtsstreite oder etwaige Schmerzensgelder hatten wir alle keine. Und im Grunde waren wir doch auch zur gesellschaftlichen Zurückhaltung und Anpassung erzogen worden. Verantworten musste man sich im Zweifelsfall allein.

Es stellt sich die Frage, warum die Reaktionen der Elterngeneration auf unser Blatt damals dermaßen überzogen empfindlich, hasserfüllt und angstvoll ablehnend waren. Es war doch erst mal ein sehr mutiges, auch arbeitsreiches Experiment, ein Versuch unseres kleinen Grüppchens Jugendlicher, gesellschaftlich und unkonventionell ins Gespräch zu kommen.

Klar, linker Terrorismus verunsicherte die Eltern damals. Würden nun auch ihre aufmüpfigen Kinder davon infiziert und mitgerissen werden? Von Radikalismus hatten sie erst mal genug. Wir waren laut und angriffslustig. Würden wir auch schlussendlich gewaltbereit werden?


Gegen die Nebelschwaden von Konsumfreude und Sentimentalität

Unser Bestreben war es, mutig wachzurütteln, die Nebelschwaden von Konsumfreude und Sentimentalität verbreitenden Fernsehern aus den bequemen Wohnzimmern der Eltern zu vertreiben. Der kalte Krieg machte uns Angst. Wir wollten nichts schön geredet haben, wollten den Finger in die Wunden der Vergangenheit legen, um Klarheit zu gewinnen. Die angeblich so schöne, neue Konsum-Welt erschien uns allzu glatt angesichts der sich auftürmenden Zukunftsprobleme, immer noch schmerzenden Kriegswunden und schmorenden Nazi-Vergangenheiten.

Unsere Eltern schleppten diese Erfahrungen und auch Traumata unbewältigt mit sich herum und wir waren ebenso von den nach und nach aufbrechenden Geschichten von Kriegserinnerungen und KZ- Erfahrungen zutiefst verstört. Ein Teil der Elterngeneration versank in Verschwiegenheit – wollte nichts mehr von dieser Zeit hören, ein Teil trauerte und hatte Alpträume, ein Teil erzählte Heldengeschichten oder schien unverbesserlich in den Nazi - Untergrund abgetaucht zu sein.

Wie die ahnungsvollen Elefanten im viel besagten Porzellanladen, bewegten wir uns in dieser pseudo-glücklichen und gleichzeitig bedrohlich diffusen, fast gruseligen Gefühlslandschaft, tappten von einem Fettnäpfchen ins andere. Aber je fester der Deckel drauf ist, umso interessanter wird es bekanntlich, ihn zu lüften.


Wir haben auch uns selbst aufgemischt

Wir haben allerdings nicht nur die Welt der Eltern, Lehrer und die ehrenwerte Gesellschaft konfrontiert, aufgemischt und herausgefordert sondern mindestens im gleichen Maße uns selbst.

Wohnungsnot bekämpfen, Atomkraft verhindern, Frieden schaffen ohne Waffen war das Eine - nicht hierarchische Lebens- und Arbeitsformen finden, private Experimentierfelder schaffen, wie Wohngemeinschaften u. Landkommunen, Wahlfamilie statt Familie, Beziehungen ohne „Besitzansprüche“, Gleichberechtigung, Frauenemanzipation, authentisch arbeiten und leben, autoritäre Pädagogik verändern war das Andere. Ein großer Anspruch an Gesellschaft und an uns selbst, mit dazugehörigen aufwühlenden Experimenten. Das war oft lustig - manchmal auch zum Heulen. Das Rumpelblatt war Sprachrohr dieses Potpourris an Visionen.

Umgreifend alles zum vermeintlich Besseren verändern zu wollen – das konnte ja auch nicht ohne schmerzliche Konflikte, Blessuren und Enttäuschungen abgehen. Zumal das Rumpelblatt eben nicht nur ein Feld dazu war, sich journalistisch und literarisch auszuprobieren, sondern es war mindestens eben so sehr ein Feld von Freundschaften und jungen Liebesbeziehungen, ein Traum von belastbaren Gemeinschaften, von Zusammenleben jenseits von Kleinfamilie und unglücklich zementierten Ehen, die uns kein Glück zu verheißen schienen.

„Man tut das nicht“ und „man macht jenes nicht“ war als Lebensmotto völlig untauglich geworden, denn es hatte das Desaster eines großen Krieges offenbar nicht verhindern können. Wir Menschen mussten uns verändern, wenn ähnliches in Zukunft verhindert werden sollte. Ob unsere Ideen gut ausgehen bzw. Verbesserung bringen würden, wussten auch wir nicht. Wir riskierten uns einfach… Hohe Ansprüche führen zwangsläufig zu manchem Absturz, zu Brüchen und der zwingenden Erkenntnis, entweder aussteigen oder realitätsuntaugliche Ideale aufgeben bzw. verändern zu müssen…


Das Experiment von Gesellschaftsveränderung

Das mühevolle Experiment von Gesellschaftsveränderung war es jedoch wert gewesen. Es hat sich in diesen Jahrzehnten dann auch tatsächlich einiges gelockert, gelöst, problemhaftes wurde reichlich diskutiert (zum Teil auch zerredet), durfte ausprobiert werden und hat sich auch deutlich verbessert und zum Positiven verändert. Das Schweigen war nach und nach aufgebrochen.

Es gibt sie nun einfach, die anderen Lebensformen, wenn auch vielleicht mit weniger hohem Anspruch und in anderen Zusammenhängen, oftmals sehr pragmatisch und realitätsnäher, als wir begonnen hatten, sehr oft mit tragfähigeren finanziellen Konzepten. Die Gesellschaft hat sich verändert, dazu war auch unsere Pionierarbeit nötig.

Eine weitere Motivation für unsere Aktivitäten war es, zu verhindern, später wiederum unseren zukünftigen Kindern fehlenden Widerstand gegen Re-Militarisierung, Umweltzerstörung, Verseuchung durch Atomkraft, verschwenderisches Konsumverhalten, Ressourcenknappheit usw. erklären zu müssen. Auch wir forderten ja nun unsere Eltern darin, sich zu erklären. Verschweigen war nie die Lösung gewesen.

Im Nachhinein betrachtet, hatten wir allerdings auch den größeren Freiraum, Experimente zu wagen und Widerstand relativ gefahrlos zum Ausdruck zu bringen.

Leider war es auch die Zeit, in der das Angebot von Drogenvielfalt ins harmlos scheinende Allgäu - Ländle einzog und den einen oder die andere mit sich fortriss. Da blieben manche auf der Strecke und auf dem ganz persönlichen Schlachtfeld zurück. Das ließ die Vorsichtigeren doch sehr nachdenklich werden und der naive Diskurs blieb im Halse stecken, ambivalente Gefühle rückblickend mit eingeschlossen.


Das Ende unserer Träume und der neue Anfang

1980 war unser Experiment Rumpelblatt dann mangels aktiver Mitstreiter/innen zu Ende. Wir waren jung und standen in den Startlöchern. Der Traum einer tragfähigen Arbeitskooperative im Rahmen der Rumpelblatt-Redaktion, die eine existentielle Lebensgrundlage hätte schaffen können, war ausgeträumt. Die Frustration über persönliche Zerwürfnisse und über provinzielle Begrenzung war erheblich. Es lockte die große, weite Welt, die Großstädte mit ihrer viel spannenderen Szene und ihrem Input.

Die meisten der Redaktion verließen das Allgäu zum Studieren, wollten lieber allein bzw. ganz Old School zu zweit ihren Weg im Privaten suchen, gingen auf Weltreise oder unterzogen sich anderen selbstgewählten Experimenten. Freundschaften verloren sich, zerbrachen. Wege trennten sich, Beziehungen entstanden, Kinder kündigten sich an und stellten diese Partnerschaften auf die Probe, Familien begründeten sich und wurden allzu schnell wieder verworfen. Es hieß Verbindlichkeit und Zuverlässigkeit zu leben.

Neue Wohn- und Lebensgemeinschaften waren aber einer sehr großen Fluktuation und Unsicherheit unterworfen, das bedeutete immer wieder mit Verlassenheitserfahrungen umzugehen und mutig neu anzufangen. Da zerbrachen auch alte Zusammengehörigkeitsgefühle, mussten zumindest später neu gesucht werden, was nicht immer gelang. Enttäuschung war spürbar. Das ganz normale Leben mit seinem existentiellen Druck hatte uns jetzt erreicht. Der Lebensstil musste jetzt auch funktionieren
Vielleicht auch ein Grund für die oben angeführten, widersprüchlichen Gefühle?

Im Allgäu ging es gleichwohl munter weiter mit Jugendhäusern, Landkommunen, Naturkostläden, Friedens- und Umweltgruppen, Frauengruppen, Selbstversorgerprojekten, Selbsterfahrungsgruppen, mit Esoterik und Bhagwanbewegung, spirituell begründeten alternativen Gemeinschaften, eben das ganze bunte, alternative Leben.
Es war auch das Jahr gekommen, in dem sich die Grünen im Allgäu gründeten. Politisch hatte eine neue Ära begonnen…


Mein ganz persönliches Resumee

Wie geht es mir nun mit dieser Rumpel-Zeit: Es war eine sehr intensive Zeit, ich habe viel erfahren und gelernt. Ich sehe gerne auf die Jahre des Aufbruchs unserer Generation, möchte heute aber nicht mehr dorthin zurück. Was ich heute bin, verdanke ich all den herausfordernden Wechselfällen meines Lebens, die mich dazu veranlassten, immer wieder neue Lebensstrategien zu finden und Ideale auf ihre Tragfähigkeit hin neu zu überdenken. Meine Mitmenschen, vor allem die ganz persönlichen Freundinnen und Freunde, Partner, Kinder und Kindeskinder waren und sind mir dabei immer noch wichtiger als jede Ideologie oder Weltanschauung.

Ich meine, zu mir und auch zur heutigen Gesellschaft gefunden zu haben, in ihrer ganzen Komplexität, Pluralität und Widersprüchlichkeit. Ich habe mich wohl, wie so viele, angepasst auch wenn ich mir das Rumpeln ab und zu erlaube. Die Weise meines Vorgehens und meine Perspektive auf das Leben, hat sich allerdings sehr verändert, ist wesentlich differenzierter geworden, sucht immer eher die Metaebene, um zu deuten und zu verstehen.

Mein Zweifel am immer wieder im Polarisieren endenden parteipolitischen Geschehen bleibt. Weltveränderung scheint mir bei aller Hoffnungsbereitschaft ein Ding der Unmöglichkeit. Im einzelnen Menschen, mit seiner Arbeit an sich selbst und seinem ganz persönlichen Umfeld, liegen meines Erachtens eher Lösungen und Entwicklungsmöglichkeiten. Gemeinsam auf unspektakuläre Weise Bewusstsein zu entwickeln für unsere Lebenswirklichkeit, ist mir nach wie vor ein großes Anliegen.

So ist die Rumpel-Zeit sicherlich, inklusive ambivalenter Gefühle, eine grundlegende Stufe auf meinem ganz persönlichen Weg der Wahrnehmung und Veränderung gewesen, auch wenn dieser sich heute deutlich anders gestaltet.
Wie gesagt: Nur weil etwas zu Ende ging, ist es längst nicht misslungen oder gar gescheitert.

Es grüßt Euch alle

Cordula Schneele - alias Coxa Breher



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